Mittwoch, 18. Juni 2014

Teufelnochmal investigativ: Hegels erschütterndes Geständnis (1)

Zu Besuch bei ... Arthur Schopenhauer in L. A. 

Dritter Teil: Die Reportage

 

Hegel, ohne Schuhe und Strümpfe, unrasiert, sichtlich verstört ... Wurde er gefoltert? ... sitzt auf dem nackten Fußboden, ein Pappschild um den Hals: Ich bin ein Betrüger! 

Stimme aus dem Off. Ist es Arthur? "Sprich in die Kamera!"

Hegel in die Kamera: „Ich bin ein Betrüger! Mein Ruhm ist frech erschlichen." 

Stimme aus dem Off. „Lauter, Kerl! Man versteht dich kaum.“ 

Hegel lauter: „Ich habe es nie zu einer einzigen wirklich großen, echten und originellen Leistung gebracht. Ich habe überhaupt nie irgend ein Werk von bleibendem Wert in die Welt gesetzt. Ich bin ein sub … sub… sub …“

Stimme aus dem Off: „Subordiniertes, verschlagenes Wesen. Er muss es nur ablesen. Selbst dazu ist er zu blöd!“

Hegel: „Ein subordiniertes, verschlagenes Wesen mit einem unvertilgbaren Hang zum Lügen.“

Hegel schlägt die Hände vors Gesicht und weint.

Stimme aus dem Off: „Weiter! Hundertachtzig Sekunden bis zur Werbung.“

Hegel: „Ich verstecke die bitterste Gedankenarmut unter einem unermüdlichen, klappermühlenhaften, betäubenden Gesalbader. Was kann ich dafür, wenn das deutsche Publikum meinen Wortkram Seite für Seite liest, ohne zu wissen, was der Schreiber eigentlich will: es meint eben, das gehöre sich so. In Folge meiner schwachen Vernunft klebe ich an der Gegenwart, sehe immer nur das Nächste und nehme den Schein für die Sache selbst. Für Philosophie, Kunst und Musik habe ich keinen Sinn.

Trotzig: Man kann von mir auch nichts anderes erwarten, wenn man erwägt, dass ich niedrig gewachsen, schmalschultrig, breithüftig und kurzbeinig bin. Ich bin gar kein Mann, noch nicht einmal ein Mensch. Ich bin ein Weib. Jawohl, hier und jetzt sage ich: Ich bin ein Weib! Und das ist gut so! Alles an mir … Alles …“

Stimme aus dem Off: „Koketterie und Äfferei.“

Hegel: „Die Verstellung ist mir angeboren. Alles an mir ist Koketterie und Äfferei.“ Errötet. Kichert verlegen. „Aber ich darf Ihnen versichern, dass mich die Natur mit den Waffen und Werkzeugen ausgerüstet hat, deren es zur Sicherung meines Daseins bedarf. Ich besitze eine eigentümliche Heiterkeit, die meinem Wesen und Treiben einen gewissen Leichtsinn verleiht.“ 

Stimme aus dem Off: „Genug, schafft ihn weg! Werbung!“

Petra-Amöneburg-Zöckler: „Und so sehen wir betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

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Anmerkung
Zwischen Schopenhauer und der Philosophie, wie sie an Universitäten gelehrt wird, personifiziert durch Hegel, gibt es eine lebenslange Fehde. Schopenhauer fühlt sich übergangen, nicht beachtet, mit seinem Werk nicht ernstgenommen. Andere, aus seiner Sicht mindere Geister, machen Karriere. Er regt sich fürchterlich auf, spuckt Gift und Galle, drückt sich aber immer vorbildlich und in bestem Deutsch aus, klar und unmissverständlich. Ein verständlicher Philosoph - vermutlich gilt das in Deutschland als unphilosophisch. Die Hegel in den Mund gelegten Zitate finden sich bei Schopenhauer im Original in den Parerga und Paralipomena, und zwar in den Aufsätzen "Über die Weiber", "Über Gelehrsamkeit und Gelehrte", "Über Schriftstellerei und Stil".

Montag, 16. Juni 2014

Programmhinweis

Nach langen Debatten in der Redaktion haben wir uns entschlossen, den dritten Teil von Petras Reportage nun doch auszustrahlen. Die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf, die ganze Wahrheit zu erfahren, und nichts als die Wahrheit. Darauf geben wir Ihnen unser Ehrenwort, wir wiederholen: Unser Ehrenwort!

Der Beitrag ist schwer jugendgefährdend. Er kann unter bisher ungeklärten Umständen zu Darmträgheit und kurzzeitigen Organausfällen führen. Ein Sendeplatz zu später Stunde am Vorabend von Fronleichnam scheint uns jedoch vertretbar. 


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Teufelnochmal investigativ

Hegels erschütterndes Geständnis

Mittwoch 18. Juni, 23 Uhr 59


Donnerstag, 12. Juni 2014


Gibt es noch Vorbilder?
Er wäre zu nennen.
 Frank Schirrmacher ist tot!
Das ist eine entsetzliche Nachricht.

Der Nachruf von Edo Reents aus der FAZ 


Mittwoch, 11. Juni 2014

Ist Heidegger schon geschlüpft?

Zu Besuch bei ... Arthur Schopenhauer in L. A. 

Zweiter Teil 

 

Immer noch am Set von "Deutschland sucht das Spatzenhirn". 

Catwalk. Defilee der Kandidaten. 


Petra Amöneburg-Zöckler (PAZ): „Kant sah auch schon mal besser aus.“

Arthur Schopenhauer (AS): „Er war schon immer etwas kränklich. Zu viele schräge Kommentare! Zu ironisch. Zu selbstgefällig. Das schätzt das Publikum nicht. Hegel glüht noch nach, aber Hegel ist ein zäher Hund.  


Ein alter Mann, nackt bis auf einen Stofffetzen. 

Heute keine Unterwäsche, Anaximander! Der Kerl ist ein Exhibitionist. Muss immer was raushängen lassen. Geh zurück und zieh dir was über!  

Aristoteles im Rollstuhl. 

Beide Beine verloren, der Ärmste, kommt immer wieder. Nicht unterkriegen lassen, Aristoteles, immer wacker und munter. Eine Schlacht verlieren, aber nicht den Krieg. So ist’s recht! Aber so leid es mir tut: Ich habe heute kein Foto für dich.“

Aristoteles ab zu den Fischen. Ein Schrei. Das Wasser färbt sich rot.

 
„Um den müssen wir uns nicht sorgen. Der kommt wieder. Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Hildegard von Bingen.“


PAZ: „Frei.“


AS: „Sehr frei. Wir stehen kurz vor dem Finale und haben noch sechzehn Kandidaten.“


PAZ: „Fünfzehn!"


AS: Gleich sind es nur noch neun."

PAZ: Du verarbeitest in deiner Show auch persönliche Erfahrungen, nehme ich an. Erfolg war dir selbst nie vergönnt. Kein Schwein hat sich für dich interessiert. Bist du ganz frei von Rachegedanken?“

AS: „Wenn ich einen Therapeuten brauche, gehe ich zum Therapeuten. Wir betreiben hier keine Selbsterfahrung.  Ich bin lange genug im Welterklärungsgeschäft. Wir sind Profis. Unser Schlachtfeld sind die Laufstege der Welt.“


PAZ: „Deine Philosophie wurde dreißig Jahre nicht beachtet.“


AS: „Die Welt als Wille und Vorstellung wird neu aufgelegt.“


PAZ: „Tausend Seiten als dreiteiliger Twitter-Roman. Nennst du das Erfolg?“


AS: „Die Aphorismen werden vertont.“


PAZ: „Als komische Oper!“


AS zu sich: „Der einzige Mann, der nicht ohne Frauen leben kann, ist der Frauenarzt." Seufzt: „Das Schicksal mischt die Karten, wir spielen.“


PAZ: „Jahrelang hast du auf die Philosophen geschimpft. Vor allem auf Hegel. Du hast ihn einen Windbeutel, Pflasterschmierer und Kopfverderber genannt. Er hat dir Schamlosigkeit und Verrat vorgeworfen und die Boulevardpresse gegen dich aufgehetzt. Jetzt machst du diese Show und holst ihn in die Jury. Warum? Alles nur wegen der Quote?“


AS: „Ist wie bei James Bond: Starke Denker brauchen starke Gegner. Hegel?“ Lacht. „Sieh ihn dir an! Ein B-Klasse-Philosoph. Wer liest heutzutage noch Hegel? Sag was, Hegel? Bist doch sonst nicht so maulfaul.“


„Was’n?“ Hegels Kopf fährt hoch und kippt auf die Brust.


AS: „Nicht wahr, du liebst mich?“


Hegel sucht die Kamera, macht das Siegeszeichen. „Ich war bloß neidisch. Ich liebe ihn.“


PAZ: „Schopenhauer liest auch kein Schwein."


AS: „Ich bin im Fernsehen. In ist, wer drin ist! Man sieht mich, also bin ich. Weißt du, was ein Werbeblock in meiner Sendung kostet?"


PAZ: „Für welche Zielgruppe? Männer, die nicht mehr pissen können?“


AS: „Von denen gibt es immer mehr. Wir planen ein Spin-off. Der Pudel kriegt seine eigene Sendung."


PAZ: „Werbefläche für Tierfutter, nehme ich an."  


AS nachdenklich: „Wir dürfen die Katze nicht kannibalisieren.“


PAZ: „Die Katze?“


AS: „Daniela Katzenberger.“ 


PAZ: „Das wird bestimmt ein Erfolg."


AS: „Wird es, Zöckler. Wird es."


PAZ: „Noch einmal: Warum nicht Sartre, Jaspers, Nietzsche? Warum Hegel?"


AS: „Für die Eitelkeit ist selbst die Pfütze ein wohlgefälliger Spiegel.“


PAZ: „Es heißt, du hast ihn gefoltert. Drei Wochen Privatfernsehen ..."


AS: „Meine Philosophie ist eine Philosophie des Mitleids."


PAZ: „… und Prügel angedroht."


AS:  „Kein Kommentar.“


PAZ: „Heidegger ist verschwunden!“


AS: „Verschwunden? Heidegger ist tot. Seine Erbsubstanz wurde geklaut. Das ist etwas anderes.“


PAZ: „Wir werden niemals erfahren, welche Gedanken er uns noch hätte schenken können.“


AS: „Damit habe ich nichts zu tun, nicht das Geringste.“ Zu sich: „O Gott, ich ertrage das nur, wenn ich völlig zugedröhnt bin. 


Das Gespräch ist beendet. Sprich mit meinem Friseur. Der erzählt dir alles, was du wissen musst. Los, Kinder … Macht voran! Kommt, kommt, kommt … Kant ist hinüber. Kann mal jemand die Jury abräumen? Ist Heidegger schon geschlüpft? Tempo, Herrschaften, das ist eine Casting-Show mit angeschlossener Hühnerfarm, nicht umgekehrt. Wie lange dauert das?“  


Nagt einen Unterschenkelknochen ab, an dem noch ein Fuß hängt.

„Ihr müsst mehr essen, Kinderchen! Ihr seid zu dünn. Haut rein!“

PAZ: „Arthur, mir graut vor dir.“ 



Samstag, 7. Juni 2014


Diesen Blog gibt es seit einem Monat. 
1500 Seitenaufrufe sind nicht schlecht.
Dafür danke ich Euch und wünsche

Schöne Pfingsten!

Dienstag, 3. Juni 2014

Zu Besuch bei ... Arthur Schopenhauer in L. A

Erster Teil

Führungskräfte üben den philosophischen Gang

 

Arthur Schopenhauer und sein Pudel Butz
Zeichnung: Wilhelm Busch, Quelle: Wikipedia
Quelle: Wikipedia


















Wir schreiben das Jahr 2030. Der Tod hat seinen Schrecken verloren. Zurückgekehrt sind nicht nur die Dinosaurier, auch Arthur Schopenhauer und andere Geistesgrößen weilen wieder unter uns. Unsere Chefreporterin Petra Amöneburg-Zöckler hat den großen Philosophen in Los Angeles besucht. 


Die Kamera macht eine 360-Grad-Fahrt und fängt ein Schwesternzimmer, eine Badewanne, einen gebohnerten Flur und eine Phalanx Rollstühle ein.

 Chefreporterin Petra Amöneburg-Zöckler (PAZ): „Wir befinden uns in der berühmten Philosophenvilla am Mulholland Drive. Am Set der Casting-Show Deutschland sucht das Spatzenhirn. Es ist zwanzig Uhr dreißig. Sokrates und Diogenes haben sich gestritten. Streitobjekt ist die Mülltonne, die Diogenes ins Zimmer gestellt hat.“


„Die Tonne oder ich!“


Sokrates weint und droht damit, sich umzubringen.


„Geh doch nach Hause zu deiner Frau.“


Sokrates Weinen wird lauter.


PAZ: „Wir schalten kurz in den Olymp.“ Das Bild flackert. Der amerikanische Präsident in Unterhose, sicher eine Täuschung. Die Götter sehen aus wie man sich Götter vorstellt; man möchte gar nicht hinsehen. „Nichts Neues bei den Göttern.“ Zurück nach L. A. „Die Kandidaten haben zu Abend gegessen und wandeln durch die Säulengänge.“


Links und rechts des Flurs öffnen sich Türen. In Bettlaken gewickelte Greise kommen heraus, kein Gramm Fett am Leib, völlig ausgemergelt. Dem einen fehlt ein Fuß, dem anderen ein Bein; unsicher, schwankend wie auf den Planken eines schlingernden Schiffs. 

 
PAZ: „Wackelkandidaten! Hallo, Pythagoras. Thales von Milet! Gleich trifft man sich zum Kamingespräch mit einem Ehrengast, er steckt auf dem Weg vom Flughafen im Stau. Man munkelt, es sei Platon. Der große griechische Philosoph Platon, der der Philosophie bekanntlich eine Führungsrolle einräumt! Welch eine Ehre, mit ihm zu arbeiten! Begleiten Sie uns jetzt ins Atrium.“


Der Blick öffnet sich in einen weiten, von einer Kuppel überwölbten Raum, darunter eine parkähnlich angelegte Landschaft. Ein Brünnlein plätschert, Vöglein singen, ein Brücklein führt über einen lustig springenden Bach, der sich in einen Teich ergießt. Haifischflossen ziehen Furchen durchs Wasser.

 
PAZ: „Wir schreiten jetzt über den berühmten Catwalk. Gleich treffen wir den Hausherrn.“


Die Jury sitzt unter einer Palme auf einer Insel. In der Mitte der Hausherr, links Kant, seltsam verdreht, in sich zusammengesunken, mit offenem Mund, ein Speichelfaden seilt sich ab auf seine Brust. Rechts Hegel, auch ziemlich zerstört, seine Haare stehen nach allen Seiten ab.


PAZ: „In der zehnten Staffel wurde eine Neuerung eingeführt: Der Philosophen-Grill! Zuschauer zuhause und im Studio können der Jury Stromschläge verabreichen. Die Quoten sind dramatisch gestiegen. Der Zuschauer will dabei sein, Spaß haben. Verweilen wir einen Moment beim Defilee der Kandidaten. Was sehen wir?“


PAZ stark zurückgenommen, raunend: „Zu Tschaikowskys Tanz der Schwäne schweben die Kandidaten ein, mal nachdenklich, mal meditierend, mal theatralisch, mal grimassierend, mal gehemmt, mal manieriert. Wir sehen den Denker auf der Bühne. Assessment heißt jetzt Casting. Führungskräfte üben den philosophischen Gang. Bewertet wird der Faltenwurf der Toga, die Gestik, die Mimik, die rhetorische Pose und die Darstellung einer Denkfigur. Gestern: Lügen und dabei gut aussehen. Heute: Führen ohne Verstand. Das hört sich einfacher an, als es ist. Denn wie immer gilt: Es muss gut aussehen, mehrheitsfähig sein und Vorbildcharakter haben.“

AS streichelt seinen Pudel: „Empedokles, du hast das gewisse Etwas, aber du musst mehr aus dir herausgehen. Das kannst du besser. Sei nicht so gehemmt!“ 


PAZ: „Guten Abend, Arthur.“


Pudel bellt. „Ruhig, Pudel! Was bellst du? Das ist nur Tante Petra vom Fernsehen.“ Schopenhauer wirft einen verächtlichen Blick in die Kamera. „Du kennst doch Tante Petra, sie schmeckt nicht.“


PAZ: "Wie heißt denn der Kleine?"


AS: "Butz. Seit zweihundert Jahren.“


Pudel bellt weiter.

 
AS: „Kann mal jemand den Hund beruhigen!“


Der Pudel wird unter lautstarkem Protest entfernt.


  

Dieser Beitrag braucht nichts dringender als eine Fortsetzung.

Demnächst:  

Zu Besuch bei ... Arthur Schopenhauer in L. A.
Zweiter Teil 

Ist Heidegger schon geschlüpft?