Mittwoch, 11. Juni 2014

Ist Heidegger schon geschlüpft?

Zu Besuch bei ... Arthur Schopenhauer in L. A. 

Zweiter Teil 

 

Immer noch am Set von "Deutschland sucht das Spatzenhirn". 

Catwalk. Defilee der Kandidaten. 


Petra Amöneburg-Zöckler (PAZ): „Kant sah auch schon mal besser aus.“

Arthur Schopenhauer (AS): „Er war schon immer etwas kränklich. Zu viele schräge Kommentare! Zu ironisch. Zu selbstgefällig. Das schätzt das Publikum nicht. Hegel glüht noch nach, aber Hegel ist ein zäher Hund.  


Ein alter Mann, nackt bis auf einen Stofffetzen. 

Heute keine Unterwäsche, Anaximander! Der Kerl ist ein Exhibitionist. Muss immer was raushängen lassen. Geh zurück und zieh dir was über!  

Aristoteles im Rollstuhl. 

Beide Beine verloren, der Ärmste, kommt immer wieder. Nicht unterkriegen lassen, Aristoteles, immer wacker und munter. Eine Schlacht verlieren, aber nicht den Krieg. So ist’s recht! Aber so leid es mir tut: Ich habe heute kein Foto für dich.“

Aristoteles ab zu den Fischen. Ein Schrei. Das Wasser färbt sich rot.

 
„Um den müssen wir uns nicht sorgen. Der kommt wieder. Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Hildegard von Bingen.“


PAZ: „Frei.“


AS: „Sehr frei. Wir stehen kurz vor dem Finale und haben noch sechzehn Kandidaten.“


PAZ: „Fünfzehn!"


AS: Gleich sind es nur noch neun."

PAZ: Du verarbeitest in deiner Show auch persönliche Erfahrungen, nehme ich an. Erfolg war dir selbst nie vergönnt. Kein Schwein hat sich für dich interessiert. Bist du ganz frei von Rachegedanken?“

AS: „Wenn ich einen Therapeuten brauche, gehe ich zum Therapeuten. Wir betreiben hier keine Selbsterfahrung.  Ich bin lange genug im Welterklärungsgeschäft. Wir sind Profis. Unser Schlachtfeld sind die Laufstege der Welt.“


PAZ: „Deine Philosophie wurde dreißig Jahre nicht beachtet.“


AS: „Die Welt als Wille und Vorstellung wird neu aufgelegt.“


PAZ: „Tausend Seiten als dreiteiliger Twitter-Roman. Nennst du das Erfolg?“


AS: „Die Aphorismen werden vertont.“


PAZ: „Als komische Oper!“


AS zu sich: „Der einzige Mann, der nicht ohne Frauen leben kann, ist der Frauenarzt." Seufzt: „Das Schicksal mischt die Karten, wir spielen.“


PAZ: „Jahrelang hast du auf die Philosophen geschimpft. Vor allem auf Hegel. Du hast ihn einen Windbeutel, Pflasterschmierer und Kopfverderber genannt. Er hat dir Schamlosigkeit und Verrat vorgeworfen und die Boulevardpresse gegen dich aufgehetzt. Jetzt machst du diese Show und holst ihn in die Jury. Warum? Alles nur wegen der Quote?“


AS: „Ist wie bei James Bond: Starke Denker brauchen starke Gegner. Hegel?“ Lacht. „Sieh ihn dir an! Ein B-Klasse-Philosoph. Wer liest heutzutage noch Hegel? Sag was, Hegel? Bist doch sonst nicht so maulfaul.“


„Was’n?“ Hegels Kopf fährt hoch und kippt auf die Brust.


AS: „Nicht wahr, du liebst mich?“


Hegel sucht die Kamera, macht das Siegeszeichen. „Ich war bloß neidisch. Ich liebe ihn.“


PAZ: „Schopenhauer liest auch kein Schwein."


AS: „Ich bin im Fernsehen. In ist, wer drin ist! Man sieht mich, also bin ich. Weißt du, was ein Werbeblock in meiner Sendung kostet?"


PAZ: „Für welche Zielgruppe? Männer, die nicht mehr pissen können?“


AS: „Von denen gibt es immer mehr. Wir planen ein Spin-off. Der Pudel kriegt seine eigene Sendung."


PAZ: „Werbefläche für Tierfutter, nehme ich an."  


AS nachdenklich: „Wir dürfen die Katze nicht kannibalisieren.“


PAZ: „Die Katze?“


AS: „Daniela Katzenberger.“ 


PAZ: „Das wird bestimmt ein Erfolg."


AS: „Wird es, Zöckler. Wird es."


PAZ: „Noch einmal: Warum nicht Sartre, Jaspers, Nietzsche? Warum Hegel?"


AS: „Für die Eitelkeit ist selbst die Pfütze ein wohlgefälliger Spiegel.“


PAZ: „Es heißt, du hast ihn gefoltert. Drei Wochen Privatfernsehen ..."


AS: „Meine Philosophie ist eine Philosophie des Mitleids."


PAZ: „… und Prügel angedroht."


AS:  „Kein Kommentar.“


PAZ: „Heidegger ist verschwunden!“


AS: „Verschwunden? Heidegger ist tot. Seine Erbsubstanz wurde geklaut. Das ist etwas anderes.“


PAZ: „Wir werden niemals erfahren, welche Gedanken er uns noch hätte schenken können.“


AS: „Damit habe ich nichts zu tun, nicht das Geringste.“ Zu sich: „O Gott, ich ertrage das nur, wenn ich völlig zugedröhnt bin. 


Das Gespräch ist beendet. Sprich mit meinem Friseur. Der erzählt dir alles, was du wissen musst. Los, Kinder … Macht voran! Kommt, kommt, kommt … Kant ist hinüber. Kann mal jemand die Jury abräumen? Ist Heidegger schon geschlüpft? Tempo, Herrschaften, das ist eine Casting-Show mit angeschlossener Hühnerfarm, nicht umgekehrt. Wie lange dauert das?“  


Nagt einen Unterschenkelknochen ab, an dem noch ein Fuß hängt.

„Ihr müsst mehr essen, Kinderchen! Ihr seid zu dünn. Haut rein!“

PAZ: „Arthur, mir graut vor dir.“ 



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen