Direkt zum Hauptbereich

Zu Besuch bei ... Arthur Schopenhauer in L. A

Erster Teil

Führungskräfte üben den philosophischen Gang

 

Arthur Schopenhauer und sein Pudel Butz
Zeichnung: Wilhelm Busch, Quelle: Wikipedia
Quelle: Wikipedia


















Wir schreiben das Jahr 2030. Der Tod hat seinen Schrecken verloren. Zurückgekehrt sind nicht nur die Dinosaurier, auch Arthur Schopenhauer und andere Geistesgrößen weilen wieder unter uns. Unsere Chefreporterin Petra Amöneburg-Zöckler hat den großen Philosophen in Los Angeles besucht. 


Die Kamera macht eine 360-Grad-Fahrt und fängt ein Schwesternzimmer, eine Badewanne, einen gebohnerten Flur und eine Phalanx Rollstühle ein.

 Chefreporterin Petra Amöneburg-Zöckler (PAZ): „Wir befinden uns in der berühmten Philosophenvilla am Mulholland Drive. Am Set der Casting-Show Deutschland sucht das Spatzenhirn. Es ist zwanzig Uhr dreißig. Sokrates und Diogenes haben sich gestritten. Streitobjekt ist die Mülltonne, die Diogenes ins Zimmer gestellt hat.“


„Die Tonne oder ich!“


Sokrates weint und droht damit, sich umzubringen.


„Geh doch nach Hause zu deiner Frau.“


Sokrates Weinen wird lauter.


PAZ: „Wir schalten kurz in den Olymp.“ Das Bild flackert. Der amerikanische Präsident in Unterhose, sicher eine Täuschung. Die Götter sehen aus wie man sich Götter vorstellt; man möchte gar nicht hinsehen. „Nichts Neues bei den Göttern.“ Zurück nach L. A. „Die Kandidaten haben zu Abend gegessen und wandeln durch die Säulengänge.“


Links und rechts des Flurs öffnen sich Türen. In Bettlaken gewickelte Greise kommen heraus, kein Gramm Fett am Leib, völlig ausgemergelt. Dem einen fehlt ein Fuß, dem anderen ein Bein; unsicher, schwankend wie auf den Planken eines schlingernden Schiffs. 

 
PAZ: „Wackelkandidaten! Hallo, Pythagoras. Thales von Milet! Gleich trifft man sich zum Kamingespräch mit einem Ehrengast, er steckt auf dem Weg vom Flughafen im Stau. Man munkelt, es sei Platon. Der große griechische Philosoph Platon, der der Philosophie bekanntlich eine Führungsrolle einräumt! Welch eine Ehre, mit ihm zu arbeiten! Begleiten Sie uns jetzt ins Atrium.“


Der Blick öffnet sich in einen weiten, von einer Kuppel überwölbten Raum, darunter eine parkähnlich angelegte Landschaft. Ein Brünnlein plätschert, Vöglein singen, ein Brücklein führt über einen lustig springenden Bach, der sich in einen Teich ergießt. Haifischflossen ziehen Furchen durchs Wasser.

 
PAZ: „Wir schreiten jetzt über den berühmten Catwalk. Gleich treffen wir den Hausherrn.“


Die Jury sitzt unter einer Palme auf einer Insel. In der Mitte der Hausherr, links Kant, seltsam verdreht, in sich zusammengesunken, mit offenem Mund, ein Speichelfaden seilt sich ab auf seine Brust. Rechts Hegel, auch ziemlich zerstört, seine Haare stehen nach allen Seiten ab.


PAZ: „In der zehnten Staffel wurde eine Neuerung eingeführt: Der Philosophen-Grill! Zuschauer zuhause und im Studio können der Jury Stromschläge verabreichen. Die Quoten sind dramatisch gestiegen. Der Zuschauer will dabei sein, Spaß haben. Verweilen wir einen Moment beim Defilee der Kandidaten. Was sehen wir?“


PAZ stark zurückgenommen, raunend: „Zu Tschaikowskys Tanz der Schwäne schweben die Kandidaten ein, mal nachdenklich, mal meditierend, mal theatralisch, mal grimassierend, mal gehemmt, mal manieriert. Wir sehen den Denker auf der Bühne. Assessment heißt jetzt Casting. Führungskräfte üben den philosophischen Gang. Bewertet wird der Faltenwurf der Toga, die Gestik, die Mimik, die rhetorische Pose und die Darstellung einer Denkfigur. Gestern: Lügen und dabei gut aussehen. Heute: Führen ohne Verstand. Das hört sich einfacher an, als es ist. Denn wie immer gilt: Es muss gut aussehen, mehrheitsfähig sein und Vorbildcharakter haben.“

AS streichelt seinen Pudel: „Empedokles, du hast das gewisse Etwas, aber du musst mehr aus dir herausgehen. Das kannst du besser. Sei nicht so gehemmt!“ 


PAZ: „Guten Abend, Arthur.“


Pudel bellt. „Ruhig, Pudel! Was bellst du? Das ist nur Tante Petra vom Fernsehen.“ Schopenhauer wirft einen verächtlichen Blick in die Kamera. „Du kennst doch Tante Petra, sie schmeckt nicht.“


PAZ: "Wie heißt denn der Kleine?"


AS: "Butz. Seit zweihundert Jahren.“


Pudel bellt weiter.

 
AS: „Kann mal jemand den Hund beruhigen!“


Der Pudel wird unter lautstarkem Protest entfernt.


  

Dieser Beitrag braucht nichts dringender als eine Fortsetzung.

Demnächst:  

Zu Besuch bei ... Arthur Schopenhauer in L. A.
Zweiter Teil 

Ist Heidegger schon geschlüpft?

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Asymmetrische Kriegführung
Offener Brief an Agenturen und Verlage

Terror nennt man asymmetrische Kriegführung. Der Einzelne gegen die Gesellschaft, der Osten gegen den Westen, David gegen Goliath. Auch Autoren führen asymmetrische Kriege - gegen die Türsteher des Literaturbetriebs, die ihnen den Zutritt verwehren; gegen Feuilletons, die sie nicht zur Kenntnis nehmen; gegen die Ökonomie der Aufmerksamkeit, die ihre Scheinwerfer auf jede Sau richtet, die durchs Dorf getrieben wird, nur nicht auf sie.


Auch ich habe unverlangt Manuskripte eingeschickt. Habe Zeit, Aufwand und Kosten investiert und bin zu der Erkenntnis gekommen: Es lohnt nicht. Stephen Hawking sagte einmal: Information bleibt erhalten. Materie verschwindet nicht, auch wenn sie in ein Schwarzes Loch fällt. Das ist falsch. Schicken Sie mal ein Manuskript an eine Agentur oder einen Verlag. Sie hören nie wieder davon. Lesen Sie es lieber Ihrer Katze vor.
Mit Qualität hat das auch, aber beileibe nicht immer zu tun. Bekannte Autoren erhielten quer durch die Bank mehr als hundert Absagen; vertret…

Ein Wort zum Thema (Eigen-) Werbung

Eine Polemik Eigentlich hasse ich Werbung. Eigentlich brauchen meine Bücher keine Werbung. Ihre Qualität - sagen wir es zurückhaltend - kann sich mit jedem Verlagsbuch messen. Zu einem unschlagbaren Preis! Doch ich will mich nicht vergleichen, mit niemandem: Ich will gelesen werden!

Indessen nehmen die Medien selbst-publizierte Bücher nicht zur Kenntnis. In den Feuilletons und der Literaturkritik großer Zeitungen kommen sie nicht vor. Deren Autorinnen und Autoren werden gern apostrophiert als Parias, als Underdogs, als Ausgestoßene; ihre Bücher werden gemieden, als seien sie verseucht. Lieber schlägt man unisono auf den Teufel Amazon ein. Wer schreibt? Schwache, die Schwächere prügeln - Journalisten, die froh sein können, dass sie noch Jobs haben. Zum Totlachen, Jungs. Nehmt ihr euch selbst noch ernst?

Selfpublisher mögen nicht immer gut sein, man mag sie belächeln, sie können vielleicht nicht oder noch nicht schreiben - na und? Wenigstens haben sie eine faire Chance, sich ihre L…

Die verbotene Bibliothek

Geheimes Wissen der Psychologie

Schlucken Sie keine Kröten: Fressen Sie Krokodile!
Up or Out: Wie Sie garantiert nach oben kommen!

Ein Gastbeitrag von Professor Dr. Johannes Mabuse

Neulich erschien ein Mann in meiner Praxis, Anfang vierzig, Mitarbeiter eines Unternehmens, das weniger durch erfolgreiche Geschäfte als durch Korruptionsskandale und Steuervermeidung aufgefallen ist. 

"Mein Chef sagte im Personalgespräch zu mir: Sie haben eine gute Ausbildung, Sie sehen gut aus, was im Verkauf immer ein Vorteil ist. Sie haben Hirn, aber Ihnen fehlt das gewisse Etwas: Killerinstinkt! Sie haben keinen Biss, Mann!"

"Das ist der Grund, weshalb Sie mich aufgesucht haben?"

"Ja. Er sagt, ich muss an mir arbeiten, sonst komme ich nicht weiter." 

"Richtig. Gute Entscheidung! Wie alt sind Sie, wenn ich fragen darf?"

"Zweiundvierzig."

"Erstaunlich, dass Sie überhaupt so weit gekommen sind. Gut, wie kann ich Ihnen helfen, Herr ...?"

"Müller. Winnetou Müller."

"Winnetou…