Dienstag, 3. Juni 2014

Zu Besuch bei ... Arthur Schopenhauer in L. A

Erster Teil

Führungskräfte üben den philosophischen Gang

 

Arthur Schopenhauer und sein Pudel Butz
Zeichnung: Wilhelm Busch, Quelle: Wikipedia
Quelle: Wikipedia


















Wir schreiben das Jahr 2030. Der Tod hat seinen Schrecken verloren. Zurückgekehrt sind nicht nur die Dinosaurier, auch Arthur Schopenhauer und andere Geistesgrößen weilen wieder unter uns. Unsere Chefreporterin Petra Amöneburg-Zöckler hat den großen Philosophen in Los Angeles besucht. 


Die Kamera macht eine 360-Grad-Fahrt und fängt ein Schwesternzimmer, eine Badewanne, einen gebohnerten Flur und eine Phalanx Rollstühle ein.

 Chefreporterin Petra Amöneburg-Zöckler (PAZ): „Wir befinden uns in der berühmten Philosophenvilla am Mulholland Drive. Am Set der Casting-Show Deutschland sucht das Spatzenhirn. Es ist zwanzig Uhr dreißig. Sokrates und Diogenes haben sich gestritten. Streitobjekt ist die Mülltonne, die Diogenes ins Zimmer gestellt hat.“


„Die Tonne oder ich!“


Sokrates weint und droht damit, sich umzubringen.


„Geh doch nach Hause zu deiner Frau.“


Sokrates Weinen wird lauter.


PAZ: „Wir schalten kurz in den Olymp.“ Das Bild flackert. Der amerikanische Präsident in Unterhose, sicher eine Täuschung. Die Götter sehen aus wie man sich Götter vorstellt; man möchte gar nicht hinsehen. „Nichts Neues bei den Göttern.“ Zurück nach L. A. „Die Kandidaten haben zu Abend gegessen und wandeln durch die Säulengänge.“


Links und rechts des Flurs öffnen sich Türen. In Bettlaken gewickelte Greise kommen heraus, kein Gramm Fett am Leib, völlig ausgemergelt. Dem einen fehlt ein Fuß, dem anderen ein Bein; unsicher, schwankend wie auf den Planken eines schlingernden Schiffs. 

 
PAZ: „Wackelkandidaten! Hallo, Pythagoras. Thales von Milet! Gleich trifft man sich zum Kamingespräch mit einem Ehrengast, er steckt auf dem Weg vom Flughafen im Stau. Man munkelt, es sei Platon. Der große griechische Philosoph Platon, der der Philosophie bekanntlich eine Führungsrolle einräumt! Welch eine Ehre, mit ihm zu arbeiten! Begleiten Sie uns jetzt ins Atrium.“


Der Blick öffnet sich in einen weiten, von einer Kuppel überwölbten Raum, darunter eine parkähnlich angelegte Landschaft. Ein Brünnlein plätschert, Vöglein singen, ein Brücklein führt über einen lustig springenden Bach, der sich in einen Teich ergießt. Haifischflossen ziehen Furchen durchs Wasser.

 
PAZ: „Wir schreiten jetzt über den berühmten Catwalk. Gleich treffen wir den Hausherrn.“


Die Jury sitzt unter einer Palme auf einer Insel. In der Mitte der Hausherr, links Kant, seltsam verdreht, in sich zusammengesunken, mit offenem Mund, ein Speichelfaden seilt sich ab auf seine Brust. Rechts Hegel, auch ziemlich zerstört, seine Haare stehen nach allen Seiten ab.


PAZ: „In der zehnten Staffel wurde eine Neuerung eingeführt: Der Philosophen-Grill! Zuschauer zuhause und im Studio können der Jury Stromschläge verabreichen. Die Quoten sind dramatisch gestiegen. Der Zuschauer will dabei sein, Spaß haben. Verweilen wir einen Moment beim Defilee der Kandidaten. Was sehen wir?“


PAZ stark zurückgenommen, raunend: „Zu Tschaikowskys Tanz der Schwäne schweben die Kandidaten ein, mal nachdenklich, mal meditierend, mal theatralisch, mal grimassierend, mal gehemmt, mal manieriert. Wir sehen den Denker auf der Bühne. Assessment heißt jetzt Casting. Führungskräfte üben den philosophischen Gang. Bewertet wird der Faltenwurf der Toga, die Gestik, die Mimik, die rhetorische Pose und die Darstellung einer Denkfigur. Gestern: Lügen und dabei gut aussehen. Heute: Führen ohne Verstand. Das hört sich einfacher an, als es ist. Denn wie immer gilt: Es muss gut aussehen, mehrheitsfähig sein und Vorbildcharakter haben.“

AS streichelt seinen Pudel: „Empedokles, du hast das gewisse Etwas, aber du musst mehr aus dir herausgehen. Das kannst du besser. Sei nicht so gehemmt!“ 


PAZ: „Guten Abend, Arthur.“


Pudel bellt. „Ruhig, Pudel! Was bellst du? Das ist nur Tante Petra vom Fernsehen.“ Schopenhauer wirft einen verächtlichen Blick in die Kamera. „Du kennst doch Tante Petra, sie schmeckt nicht.“


PAZ: "Wie heißt denn der Kleine?"


AS: "Butz. Seit zweihundert Jahren.“


Pudel bellt weiter.

 
AS: „Kann mal jemand den Hund beruhigen!“


Der Pudel wird unter lautstarkem Protest entfernt.


  

Dieser Beitrag braucht nichts dringender als eine Fortsetzung.

Demnächst:  

Zu Besuch bei ... Arthur Schopenhauer in L. A.
Zweiter Teil 

Ist Heidegger schon geschlüpft?

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen