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Hallo, wie geht's?

Darauf gibt es eine kurze und eine lange Antwort. Hier ist die lange Version. Damit ich es beim nächsten Mal, sollten wir uns wieder begegnen, nicht wiederholen muss. Pass gut auf! Ich sage es nur ein Mal.

Stell dir vor, du und ich, wir kennen uns flüchtig, haben uns eine Weile nicht gesehen und treffen uns in der Stadt. Du siehst mich zuerst. Du könntest ausweichen, noch ist Zeit, abzutauchen, in ein Geschäft zu gehen, in eine Seitenstraße abzubiegen oder sich in die Kanalisation zu stürzen.

Ein Ausweg, der mir verschlossen ist, denn ich merke nichts. Ich bin in Gedanken und mit Projekten beschäftigt. Zur Zeit mit meinem Blog: mir fallen tausend Themen ein, über die ich schreiben könnte. Schreiben MUSS. Wer sonst, wenn nicht ich? Was um mich herum passiert, kriege ich nicht mit. Wenn ich rausgehe, tue ich das nur, weil ich mich bewegen und frische Luft schnappen muss; sonst sitze ich am Schreibtisch.

Blitzschnell läuft in dir ein kleines Computerprogramm ab: Woher kenne ich den? Wer ist das? Lang nicht gesehen. Wie sieht er aus? Nicht wie ein Penner, nicht wie ein Alkoholiker ... Na ja, kann noch werden. Schauen wir mal!
"Hallo, wie geht's? Lange nicht gesehen. Was treibst du so?"
"Ich schreibe."
"Oh, das ist interessant. Was schreibst du denn?"
"Die Geschichte einer Jugendliebe, beginnt in den 60er Jahren. Beide sind zwölf, als sie sich begegnen. Sie verlieren sich, treffen sich dank des Internets vierzig Jahre später wieder. Wir denken, dass nichts passiert in unserem Leben, aber in dieser Zeit ist viel passiert. Vom Bau der Berliner Mauer bis zum 20. Jahrestag der Wiedervereinigung. Die Zeit des Kalten Kriegs. Das Verschwinden des Warschauer Pakts, die Technologisierung unseres Alltags. Vom Vordringen des Computers bis zu Smartphones ..."
Jetzt weißt du, dass es ein Fehler war, stehenzubleiben.
"Und das schreibst du alles in dem Buch?"
"Nein, nein, meine Bücher sind Romane. Unterhaltungsliteratur. Witzig, ironisch, alles andere langweilt doch nur. Nein, das ist nur der Hintergrund, sozusagen. Das schreibe ich nicht in meinem Roman, sondern in meinem Blog. Als erstes sage ich den Leuten: Hört zu, Leute. Ich sage euch jetzt mal, worum es geht. So musst du anfangen, heutzutage. Du musst die Leute direkt ansprechen. Du musst ihnen an die Gurgel springen und zudrücken, bis sie keine Luft mehr bekommen - und dann langsam steigern: Immer fester zudrücken! Du darfst sie nicht mehr loslassen. Bis Blut kommt! Auf keinen Fall aus den Klauen lassen! Heutzutage musst du den Leuten entgegenkommen. Du musst sie abholen. Das sind ja alles deine Kunden, auf der ganzen Welt, also weltweit, auch in Amerika und Afrika. Ich weiß das. Ich war im Vertrieb, ich kenne mich aus."
Oh, Gott!
"Ah, so. Ja, klar. Was!?"
"Mein Blog. So eine Art Tagebuch. Da schreibe ich alles auf, was mir durch den Kopf geht. Beim Film nennt man das ein Making of. Ein Blick hinter die Kulissen. Backstage. Behind the scene."
Man sieht es ihm nicht an, aber er ist fertig! Ich habe fertig! Flasche leer! Scheiße, der Mann ist fertig! Du überlegst, wie du aus der Nummer herauskommst ohne als Unmensch zu erscheinen.
"Ja, du, ich muss weiter. Hab was zu erledigen."
"Warte doch mal, ich hab dich noch gar nichts gefragt? Wie geht es dir? Was macht die Familie? Was macht die Firma?"
"Nichts Neues. Sei froh, dass du nicht mehr dabei bist."
"Früher haben sich die Männer ins Knie geschossen, wenn sie nicht in den Krieg ziehen wollten."
"Ha ha, ja, das ist gut. Heute musst du dir in den Kopf schießen. Mach's gut."
"Ja, bis bald. Vielleicht treffen wir uns mal wieder."
"Dann trinken wir einen Kaffee."
"Wenn wir ein bißchen mehr Zeit haben, kann ich dir ausführlicher erzählen, was ich mache. Das ist hochspannend. Vor allem was ich gelernt habe. Hochinteressant, sage ich dir! Welche Möglichkeiten man hat, heutzutage. Sozusagen alle Möglichkeiten, man muss sie nur nutzen. Dieses Internet ist eine tolle Sache."
"Ganz bestimmt ist es das. Ja, das machen wir. Gern. Aber jetzt muss ich los. Ciao!"

Alles klar? Weißt du jetzt Bescheid? Beim nächsten Mal halte ich dich nicht auf, das verspreche ich dir! Und du mich auch nicht. Du mich schon gar nicht. Schon dreimal nicht! Ich setze dich schachmatt, mein Freund. Ich stelle mich ganz dumm. Und stelle dir nur eine Frage:  
"Hast du mein Blog gelesen! Nein? Und tschüss!"
Das ist nicht kundenorientiert, ich weiß. Ich muss an mir arbeiten. Ich war mal in einer Firma. Sagte man am Ende des Personalgesprächs: Ja, Chef, Sie haben recht. Ich werde an mir arbeiten - sagte der Chef, auf das Firmenmotto Alles aus einer Hand anspielend: Ja, tun Sie das. Arbeiten Sie an sich. Sie wissen ja: Alles mit einer Hand! (80er Jahre. Machos! Alles Schweine!)

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